🔗 Das Leugnen von Farben ist nicht ohne Gefahr



tags: Umsturz, Barrikaden, Politik, lyrik

2016-2017

Eine Meinung zeichnet sich gewöhnlich vor allem dadurch aus, daß sie durch den Mund entkommt, wenn er nicht ganz geschlossen ist, obwohl der Schädel womöglich nur das Beißen übt — hurra, da ist sie schon ——— und was ist hier eigentlich geschehen?, oh, mein Herr, das durfte ich ja eigentlich gar nicht sagen, ich habe nur gemeint, nur gut gemeint, was, natürlich schlecht gedacht, mir war auch nicht wohl dabei… es war ja gar nicht meine Absicht… auch noch zu denken, nein, weiß-gott-nicht!, denn denken ist mir schwer, aber das ist nicht Ihre Schuld, ich will ja nichts Falsches sagen, wenn Sie nicht mehr mit mir reden, Sie haben reichlich Grund, ich könnt’s mir gut denken, dächte ich noch, guten Tag ———

wobei Kunst heute sich wieder auszeichnet, als etwas durch manche Sinne erfahrbares, aber nicht etwas, was bleibt, und ihr ursprünglich eine private Absicht zugrunde liegt, heut aber eine öffentliche Absicht Grund allen Handelns ist, die als Hauptzweck der Zurschaustellung dann mit einem Grunzen verwechselt werden kann, und muß, was gut ist, wenn sich die Sichtweise einstellt, daß moderne Kunst eine Posse ist und kein weises Werk, und schlecht ist, wenn nicht.

Und diese Absicht ist so sehr eine Aussicht auf eine ungefähre Ansicht, die gespielt wird, um sich Gunst zu erlangen, wie der Volksgenosse sich Kunst spielend gönnt, die persönlich, d.h. gerade für ihn nur reserviert ist, den Monolog erduldet, wenn er sie gut betrachtet, weil der Mann vom Volke an der Wirkung seinen ehrbaren Anteil hat, die sturzblöd niemals vollendet, obschon der Mund des Künstlers geschlossen, was nicht wichtig ist, solange die Kunst entdeckt wird, sich also wirklich einige andere Münder öffnen, die es ja auch gibt, aber besonders nicht dort, wo die wirkliche Kunst stattfindet, die reine, zwecklose Kunst, der Kinder gewahr, weil sie noch entdeckungslustig die Welt erfahren wollen, ohne sie ständig in kindischem Eifer zu bezwingen, und die Alten sich schonen und es als Kreativität bezeichnen, wenn durch eine natürliche Zeugung etwas zufällig entsteht, und Können, wenn nicht, man denkt sich vieles, und der kleene Mann nu, oh, da ist er schon, sie begegnen sich: vielen Dank, sagt der alte Künstler, denn heute habe ich Herzen bewegt. In der Moderne heut gleicht es einem Umsturz, um Satan den Weg zu bereiten, aber ganz kompakt gelogen hier, was könnt ich andres sagen nu, es ist sehr dunkel an meinem Platze, ob hier ein Satan schon wirkt, wird mir nicht klarer, aber in der Ferne kann man jut sehen, daß dort nichts ist, was sich selbst erleuchtet — wohldenn könnt dort etwas stehn, was?, iech wandle doch nicht bis dorthin, ich bin doch nicht knapp. Aber iehr: freut euch. Denn das ist der Fortschritt dort.

Mitnichten ist es also objektiv so, daß es sich um Kunst streiten ließe, vielmehr kann es gut sein, daß sich stattdessen vortrefflich und genehm über Geschmack bei einem gute Tee auf den Barrikaden streiten ließe, manche aber haben einen anderen Eindruck, wenn sie aus dem Fenster blicken. Ach, der Geschmack. Wenn man aber über Geschmack streitet, ist Wahrheitsfindung folgenlos, weil man nicht Wahrheit findet, die darin auch nicht ist, so wenig sich auch dazu objektiv sagen ließe, liegt im Subjektiven keine Wahrheit sondern Abgrund, womit sich die Künstler gerne befassen wie Schauspieler. Der gemeine Volksgenosse ist aber nicht mit diesem Metier befaßt oder in demselben erfaßt und hat auch sonst nichts verfaßt, als nur seine Ansichten, ist mit seiner Meinung eingemacht, was man Haltung nennt und Courage fördert, und leidet wie lebt täglich abertausende Gedanken aus dem selben Topfe, aus dem sonst die Familie frißt, bei Erziehung ihrer Brut. Wie der Künstler seine Kleider wechselt, tjut es nicht der gemeine Volksgenosse, der nur zwei Kleider hat. Es ist also völlig sinnlos. Gott persönlich kam vom Himmel gefahr’n und bestrafte jene, die einen Teil der Wahrheit erhaschten mit einem Blitz und nahm die Wahrheit mit. Der Künstler stellt dar, aber der Mensch ist, der Künstler lebt die Vielfalt der Einzelnen, aber der Mensch die Einfalt der Vielen. Der alte Künstler will befreien, ohne die Marschrichtung vorzugeben, nicht der Umsturz, sondern das Können wird gefordert. Daß nichts politisch ist, ist die Utopie einer besseren Welt, in der keiner dem anderen mehr etwas entreißt, was der andere selbst erarbeitet hat. Nur Idioten meinen, dieser Diebstahl für eine friedliche Welt wäre politisch. Es ist elementar wie das Feuer, eine weitere Naturgewalt. Denn immerhin geht es für die meisten Lebewesen noch ums Überleben, um ihr höchst eigenes, das gesunde Lebewesen noch mit allen Mitteln zu verteidigen wissen. Aber es wird — politisch — so gedacht und das Denken erklärt die Welt der Menschen, Menschen, die sich freiwillig Unterthan machen. Der Mensch hat sich oft verfangenen in seinem Urteil, die Geschichte kann nicht lügen, wie sie wirklich war, da wir nur Tatsachen verklären können, der Künstlermensch heut belehrt und ehrt nur sich, wie es sich von der Obrigkeit sagen läßt, wir reden hier tatsächlich von besseren Menschen, die Götter geworden sind: sie erschaffen die Wahrheit. Egal, was passierte, eines galt: das Volk bleibt, solange die Nation nicht erobert wird. Das ist nicht mehr gewiß. Und der alte, hungerleidige Künstler spricht nicht mehr. Vielleicht ist er tot, aber die Göttlichkeit strahlt noch in seinen Werken. Ihr Künstler von heute, danke, vielen Dank für eure wohlgefeilte Meinung und Kunst, sagen wir, daß wir so etwas skurriles noch gebraucht hätten, als wenn, als ob! Ihr Künstlermenschen, seid ihr nur eins von der Zahl und maßt euch an, für viele wahrhaft zu sprechen. Oh, euer Irrmaß ist groß! Sprecht für euch selbst bei einer gut gewürzten Suppe und laßt die armen Menschen in Ruhe!

Darüber läßt sich also viel über Meinungen finden, vorallem aber zeigt sich, daß Meinungen erfahrbar bleiben müssen und das strafrechtliches Unterbinden von Gesagtem ein Angriff auf den Schöpfungsakt darstellt, denn was ein Individuum sagt, ist er also nur eins von der Zahl, wird sich zwangsläufig mit anderem Gesagten und Gedachten widersprechen, wer kann nun darüber wirklich erbost werden, wenn es nicht gefällt? — jeder Mensch, der einen Mund hat, hat von der Natur das Recht bekommen, zu sprechen, so er es kann, und weiter: der Zustand ist ungesund, zu schweigen. Dieser Grat ist zu bewältigen, so daß ihr dabei keine Künstler werdet!
Und mehr noch: der Mund zum Schreien, die Klauen zum Zerfetzen, die Fäuste zum Dreschen, und die ganzen Muskeln und morschen Knochen zum Töten und Vergewaltigen; die Gewalt, uns zu so verdrehen, das dem nicht so wäre, ist die Schlimmste von Allen, denn das Sprechen ist entstanden aus Wut, nicht alle Absichten klären zu können und differenzierte sich fortwährend, aber nun sollen wir schweigen: weil sie sich besser wähnen, als die Affen. Sie sind aber schlechter. — Ich verneine also den Anspruch von Künstlern von Kunst mit einer Absicht oder gar Funktion. Er ist ein Künstler, der sagt: “natürlich hat es eine Funktion, indes fragen Sie gar nicht doof, eine Funktion, einen Zweck, eine Berechtigung, eine Absicht, die meine Sicht, vieles, ich kenne sie nur noch nicht. Täglich bete ich, daß sie mir nicht noch einfiele, lebe ich doch zum Gefallen meiner Kundschaft. Und doch: ich ahne Schreckliches.”. Wo wir bei der Politisierung der Kunst sind: natürlich ist das keine Kunst mehr, die da ist, sondern ein Kriegsgerät, um die Welt aus den Angeln zu heben. Das zurschaugestellte, künstliche Ding soll nicht gefallen, sondern aufschrecken und erziehen, ganz im Sinne der Obrigkeit, als wären wir eine große, einstimmige Familie, die ganze Welt, und wären wir niemals erwachsen geworden, gleich welchen Alters wir auch, denn wir sind gleich, wir alle gleich, den Kindern gleich: wir sind also nicht länger selbständig, sondern eine hirntote Masse ohne Eigensinn, die man mit Tritten von oben und Selbstaufopferung von unten kontrolliert. Da hat sich die Politik dem Künstler dienbar gemacht. Lieber hätt ich richtige Bettler als solche Künstler.

Was also ist hier nu die Gefahr, denkt man sich, oder sind die Augen noch ganz oben abgestellt, bei den tiefen Schachtelsätzen? Daß man wirklich versteht, was Kunst nu ist. Das ist die Gefahr. Du mein lieber Volksgenosse, da wie du denkst, ist es schon verkehrt, hier könnten also bald deine Barrikaden entstehen, schreib du ja nur dein pseudonymliches ABC drauf, da wie die Kunst dich heut lenkt, wirst du wohl davon absehen. Es ist ja auch eine Kunst, dich zu verscheißern. Denk mal dran, wie du dich fügst, hast manche Dinge schon ungedacht und fast geglaubt, dann haste dich fein studiert. Der Unsinn nimmt zu, aber du liest keine Blätter, das weiß der Bauernfuchs von jetzt auf gleich, was war das denn für ne Redewende, mußt nur die Augen aufklappn? Weißt du noch, wie das geht? Ja, geh du nur, geh du mal ins Museale, und denk dir mal ein Scha­fott, das steht da noch. Ach, du Bengel. Für dich ist es nicht. Was will denn einer mit einem Schafott? Leih es aus, mal, eine Weile nur, es könnte gefallen. Es könnte sein, aber davon steht nichts in den Blättern, daß es mit ein wenig frischem Blut wie neu dablitzt. Wir nennen das: Primärölung. Was dann kommt, ist Zorn, steht, hängt an und fällt mit dem logistischen Fortschritt, und der ist gewaltig.

Ruhig aber nu. Ist er schon hier, der Fortschritt, steht’s auch in den Blättern. Vorher nicht. Also keine voreilige Panik, meine Herren, die Uniformen sind wieder frisch bemalt und dieses Land muß wirken, wieder Lebendigkeit zu erreichen, aus dem jüngsten Koma nun zu erwachen. Der sämtlichen Frauenschaft im Lande täte auch eine verschwängerte Heimlebweise sehr gut, da die Heimarbeit in turbulenten Zeiten wie diesen vor Vergewaltigungen schützt. Ich meine, wenn es denn wieder Krieg ist hier im Lande, spielt die Kunst keine Rolle mehr. Ein Glück, daß wir die bald los sind — das dürfen Sie nicht mal denken. Lieber denken Sie sich ein Schafott oder bringen es zum Tee mit. Aufbrechen! — so lange uns’re Knochen noch mögen, geht’s auf, Kamerad! Uns steht noch was bevor, und es ist schrecklich angerichtet, wie wir es überhaupt nicht wollten. Das Leugnen der Zustände ist nicht ohne Gefahr. Mund auf — nicht stinken, Zähneputzen — um den Sturm zu entfachen. Hier ist niemand dazu gekommen, euch nach eurem Munde zu reden.