Folgende Brandschriften sind erschienen:


01. u. 02.06.2007 - 06.02.2019

Den Eingang durchschritten,
zwar gedacht, doch nie geahnt,
meine Blicke vertiefen sich,
und führen nur zu Wand und Tür.

Das ist doch unmöglich.
Das kann man doch nicht machen.
Das ist doch Mord!
Die Zimmer schallen Wort und Schritt.
Nichts bleibt. Ist doch klar.
Vereinzelte Bilder von Toten und Totgesagten
zeigen sich an undenkbarer Stelle.

Es fehlen doch mindestens zwei Stimmen – nicht?

Auch ich bin dabei, vor Zeit an guten Tagen.
Als wir noch entzwien, als jeder Hausrat unverrückbar,
jeder Baum unsägbar galt, jede Bekleidung standhalten würde.
Der Morgen noch nicht einmal begann, und ich schon wach.

Auch ich bin dabei, als ich oft in meiner Großeltern Bett stieg:
Er kurze Zeit später im Bad sich wusch, rasierte, dann das Frühstück in der Küche bereitete -
ich aber mit Bausteinen im Bett spielte oder in der Bettritze ruhte -
die Fruchtpresse protestierte.
Unsagbar!

Auch ich bin dabei, als manch’ Weihnachten war:
uns wurde beschert oben und unten im Erdgeschoß,
froh waren wir, als Feierlichkeiten nicht nur gefühlte Worte gewesen,
ich spielte neu geschenkte Gesellschaftsspiele oder
klebte Plastikmodelle für Spaß und Eisenbahn.

Auch ich bin dabei, als ich nicht ein mal die erste Klasse bestand -
da ich noch nicht schulfähig war -
und meine Großmutter mich auf entfernte, große Spielplätze begleitete,
Höhlen aus Krimskrams baute und
ich mich in Haus und Garten, unten Laken und Tisch, auf Bäumen versteckte
und sie nach mir verzweifelt suchte.

Auch ich war dabei.
Bei Momenten, die viel schöner waren,
als die der kommenden Tage.

Noch wenige, dann kommen sie.
Die, für die das Haus gänzlich leer ist.


10.2005-2018

Falls sich in deinem Darm Eßbares befindet,
versuche dich nicht
zu winden danach.

Denn jetzt,
wenn erst morscher Kalk sich biegt,
und Galle spritzt, rot!,
und bricht,
zittert das Leben vor der morschen Knochen Staub,
der blutverbunden quillt empor
mit jeder Inhalation des Todesduftes,
der dir schleichend eigen –
als wenn die unfaßbare Existenz einen betrügt –
dann sei dir sicher: dein Leben weicht niemals,
denn du warst nie, lebst nur Erinnerungen,
die noch zunehmend häufiger erscheinen,
nur um zu versiegen, als brächten sie Würde –,
mehr bist du nicht: als Vergangenes
umgebenen von Stille,
und wieder verlassen, ohne sich;
Kälte vergütet den einst warmen Anfang und Stimme,
betrogen – wenn kümmert es jetzt noch?

Nur so ist es dem Leben Recht,
es ihm gleich zu tun.
Also bist du nicht mehr

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2016-2018

Eine Meinung zeichnet sich gewöhnlich vor allem dadurch aus, daß sie durch den Mund entkommt, wenn er nicht ganz geschlossen ist, obwohl der Schädel womöglich nur das Beißen übt – hurra, da ist sie schon —— und was ist hier eigentlich geschehen?, oh, mein Herr, das durfte ich ja eigentlich gar nicht sagen, ich habe nur gemeint, nur gut gemeint, was, natürlich schlecht gedacht, mir war auch nicht wohl dabei… es war ja gar nicht meine Absicht… auch noch zu denken, nein, weiß-gott-nicht!, denn Denken ist mir schwer, aber das ist nicht Ihre Schuld, ich will ja nichts Falsches sagen, wenn Sie nicht mehr mit mir reden, Sie haben reichlich Grund, ich könnt’s mir gut denken, dächte ich noch, guten Tag ——

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2010-2018

der große schall verpufft
im saale niemand ist da
wozu wird sich weiter endlos verloren
wozu

sich der himmel wölbt und dunkelt
vor mir die bühne mein gutes stück, mein gutes
wozu ist es nicht recht

der himmel dunkelt und wölbt sich
denn das wird das firmament der finsternis
als ich auftrete
ist es oh finster so finster

was ich euch heute vorzutragen habe
das ist das firmament der finsternis
denn durch mich spricht das werk

alles ist kunst
alles ist tod
alles ist lüge
doch was ist nun das nichts

fürchterlich diese stille
kein scheinwerfer mein stück du gutes stück
wer atmet möge doch noch sprechen

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2005-2007

Rost.
Der Zerfall.
Hienieden im Freien, wo Regen fällt, klare, dichte Nässe zwischen aufgeweichtem Boden und triefender Wolkendecke.

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19.06.2014 - 2017

Erstens. Für das Leben zu kämpfen, heißt, manch anderes Leben aufzugeben, heißt das Leben aufzugeben, niemand kämpft für den Tod, denn der Tod ist nur ein Mittel im Kampfe, und das Mittel der Wahl ist aber Leben; Stärke demjenigen, der entscheidet, wer aufhört zu kämpfen, Stärke demanderen, der entscheidet, wer aufhört zu leben.

Zweitens. Für den Frieden zu kämpfen, heißt, manch andere Frieden aufzugeben, heißt den Frieden aufzugeben, niemand kämpft für den Krieg, denn der Krieg ist nur Ausdruck eines Kampfes, und der Ausdruck der Wahl ist aber Frieden; Stärke demjenigen, der entscheidet, wer aufhört zu kämpfen, Stärke demanderen, der entscheidet, wer aufhört mit Frieden.

Drittens. Leben und Frieden sind einander nicht verträglich, aber das Leben setzt sich fort, es setzt sich durch, aber wird nur dann erlangen, wonach ihm trachtet, als es verschwindet.

Viertens. Stärke zu entscheiden ist eszentiell, denn es braucht Stärke, Entscheidungen durchzusetzen und ihre engeren Folgen zu überdauern. Es gibt keine richtigen Entscheidungen, wie es keine Wahrheit gibt. Stärke demjenigen, der entscheiden muß. Denn er ist der Friedensbringer, der kämpft. Der Heilsbringer, der sich nur selbst retten kann. Und Stärke demanderen, der ganz Mensch geblieben ist, und seinen Kampf noch vor sich hat.

Fünftens. Welcher Zustand drückt sich durch Frieden aus? Durch Entscheidungen gelangt nunmehr der Mensch zu größter Macht über die ganze Welt und all das in ihr innewohnende Leben. Ohne Entscheidungen ist der Mensch frei. Ein freier Mensch kann nicht mehr seinen Verstand benutzen außer in dem Versuch, den Verstand ständig zu bezwingen. Ein freier Mensch bringt nur Leid in die Welt wie jedes Tier, und kämpft gegen seine innere Welt stets, nur wie ein Mensch es kann. Entscheidung bringt unvorhersehbare Folgen gegen Leben und Frieden, gegen Mensch und Umwelt. Wer nicht entscheidet, bringt spruchlos Heil, wer entscheidet, dient allzusehr dem Tod. Entscheidet keiner, rettet sich die ganze Welt vor dem Menschen. In Frieden zu leben, heißt, die Welt zu verschonen.

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2007-2014

aus winzig spalt erdmassner sohl
aus einem enge loche hohl
brach mein leib und trug sich fort
fern verschwand er
doch ich blieb dort.

wie jäh hügel wie forst sich finden
gleichwie flächen das land erringen
inmitten der fernsten verdichtungen
von allerkleinstem leben

hellung strich getuschter streif
kolben gräser pinsel stiele
erzählen einverleibten ausruf
wo unerhörte einigkeit

flüsternd am weiher schweben
im pulse des weihers beben
der reichen taue rinnsäle trübe
so zaghaft formen sich fort

und nebel klingt an
der fenster gestaltend
alles ist verwirklichung
hier in der wirklichkeit.

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2007

Entweiche!, schrieb die bleiche Klinge
und verbarg beschämt ihre Dyslexie.

Lebensgeist!, flutete der Rebsaft
den herrlichsten Herbstpicasso,
den der kniende Tod je gesehen hat.

Zu mir mit ihm!, stieß der Teufel aus,
aber der Tod sah erst sich unfreiwillig schämend und schwieg sinnierend dann,
solange die Lebenskunst ihn mit der Sinnlosigkeit bannte, die ihn vereinnahmte,
gebar er die ihm fremde Ewigkeit in jenem ihm fremden Hause, erstarrte vor Ehrfurcht,
als gleiche die alternde Schöpfung einem Wunder.

– Nur bald darauf holte er seine Kinder,
er mit ihr, sie mit ihm,
heim.


22.04.2016

ich                           schritt hernieden
        wes andere Menschen mieden.
und ich schritt hochaus, hochvor:
ich                                                     Tor.